Schappe Arlesheim (Florettspinnerei)

Gründung und erste Jahre
1824 gründete Johann Siegmund Alioth in Basel die erste mechanische Florettspinnerei auf dem europäischen Festland. Sie diente der Herstellung der sog. Schappe oder Florettseide (Garn aus Rohseideabfällen). Um besseren Zugang zur Wasserkraft zu erlangen, verlegte Alioth den Betrieb 1830 nach Arlesheim an die Birs. Er tauschte sein Basler Grundstück gegen jenes des Seidenbandfabrikanten Richter-Linder ein und liess in Arlesheim neue Industriegebäude erstellen. Die neue Anlage wurde schon kurz nach ihrer Fertigstellung am 3. Januar 1831 durch einen Brand zerstört. Dank der Schadensdeckung durch eine Versicherung gelang der Wiederaufbau jedoch sehr bald. Die umgangssprachlich so genannte «Schappe» Arlesheim konnte ihren Betrieb aufnehmen und wurde zur ersten Fabrik im 1833 gegründeten Kanton Basel-Landschaft.
Die neue ländliche Lage bot auch den Vorteil, dass im Betrieb zahlreiche junge Bauerntöchter als günstige Arbeitskräfte eingestellt werden konnten (wie eine Fabrikinspektion der GGG im Jahr 1841 festhielt). Gesetzlichen Schutz vor Kinderarbeit oder langen Arbeitszeiten (bis zu 15 Stunden am Tag) gab es damals noch nicht. Wegen der langen Arbeitswege der Arbeiterinnen wurde ein Kosthaus und ein Transportdienst mit Leiterwagen eingerichtet.
Abnehmer der Schappeprodukte waren zunächst vor allem die Textilindustrien in Frankreich und in Deutschland – weniger jene in der Region. 1838 trat Alioths Sohn Daniel August als Teilhaber in die Firma J. S. Alioth & Cie. ein. 1850 folgten Sohn Achille und Schwiegersohn Lucas Gottlieb Burckhardt. Noch im selben Jahr starb der Firmengründer. Die drei jungen Männer übernahmen die Leitung bis 1851, dann wurde Daniel August Alioth Hauptleiter und zusammen mit seiner Mutter, Chrischona Alioth-Hornung, Eigentümer der Firma. 1863 trat zudem Auguste Veillon ein. Es wurden zahlreiche Modernisierungen (neue Gebäude und Dampfmaschinen) eingeführt und der Umsatz konnte beträchtlich gesteigert werden. Die Zahl der Beschäftigten stieg bis in die 1870er-Jahre von 180 auf bis zu 400.

Zusammenschlüsse und Liquidation
1873 schloss sich die S. zusammen mit anderen Unternehmen der neu gegründeten Chancel, Veillon, Alioth & Co. mit Sitz in Basel an, welche u.a. die Schappe in Grellingen betrieb. Von der Fusion versprach man sich eine verbesserte Marktstellung und versuchte der eintretenden Krise in der Folge des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 zu begegnen.
Die neue Firma unter der Führung von Auguste Veillon hatte mit einer Baisse des Seidenpreises zu kämpfen sowie mit einem schrumpfenden Absatzmarkt, da in der Mode krisenbedingt billigere Produkte bevorzugt wurden. Sie konnte die Verluste aus der Krise trotz verbesserter Geschäfte nicht verkraften und ging 1881 in die Liquidation. Daraus ging im selben Jahr die Industriegesellschaft für Schappe mit Sitz in Basel hervor. Später wurden zahlreiche weitere Schappe-Unternehmen in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und sogar in den USA in dieses Grossunternehmen integriert.
Seit 1878 gab es einen auf nationaler Ebene gesetzlich verankerten minimalen Schutz für Fabrikarbeiter und spätestens ab den 1880er-Jahren wurden in der S. darüber hinaus Verbesserungen für die Arbeiter und Arbeiterinnen eingeführt. So wurde eine Krankenkasse eingerichtet und auch gewisse Anforderungen an die Arbeitsplatzqualität eingehalten (wie Inspektionen in anderen Betrieben des Unternehmens aufzeigten). 1886 wurde das Arbeiterkosthaus in Arlesheim renoviert und 1892 folgte die Errichtung einer Häusersiedlung für Arbeiterfamilien in Dornachbrugg.
Die Jahre bis 1920 waren unterschiedlich erfolgreich. Ein grosses Problem blieb der schwankende Seidenpreis und während des Krieges mussten verschiedene Betriebe des Konzerns im Ausland stillgelegt werden.

Blütezeit und Krise
Die 1920er-Jahre brachten eine Blütezeit mit Dividenden von bis zu 25%. Sie dauerte bis 1929, als der Preiszusammenbruch bei der Rohseide und die allgemeine grosse Krise einsetzten. Für die S. in Arlesheim bedeutete dies, dass die Beschäftigtenzahlen in kürzester Zeit von 558 (1928) auf 254 (1933) – also um mehr als die Hälfte – zurückgingen und die verbliebenen Beschäftigten Kurzarbeit leisteten oder sogar vorübergehend zu Hause bleiben mussten. Für die noch arbeitenden Personen hatte ausserdem die Einführung des neuen Akkordsystems (Bedaux-System) zur Folge, dass sie in gleicher Zeit doppelt so viel Arbeit leisten mussten wie zuvor (dies stellte ein Fabrikinspektor 1933 fest).

Kiki Lutz, 3/12/2012
Letzte Aktualisierung: 11/08/2016

Archivbestände

SWA Schweizerisches Wirtschaftsarchiv Basel, Dokumentensammlungen:
Burlington Industries (Textilunternehmen)– Basel,
Signatur: H + I Bd 1078
Industriegesellschaft für Schappe (Textilunternehmen) – Basel/Arlesheim,
Signatur: H + I Bd 7
Schappe-Tex Unternehmungen (Textilunternehmen)– Basel,
Signatur: H + I Bd 252
Schappe AG (Textilunternehmen)– Basel/Genève,
Signatur: H + I Bd 231

Bibliografie

Anna C. Fridrich, Roland Grieder (Hg.), Schappe. Die erste Fabrik im Baselbiet. Ein Portrait, 1993
Anna C. Fridrich, «Industriegesellschaft für Schappe», in Historisches Lexikon der Schweiz [Online-Version], Stand vom 30.10.2012: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D43013.php
Anna C. Fridrich, Roland Grieder, «Die erste Fabrik im Baselbiet», in Basler Magazin, Nr. 17, 8. Mai 1993, S. 12-13
F. Mangold und H.F. Sarasin, Industriegesellschaft für Schappe. Entstehung und Entwicklung, Basel 1924
Alban Müller, Die Entwicklung der Industrien im unteren Birstal mit besonderer Berücksichtigung des Standortes, Dissertation Universität Basel, Laufen 1940, S. 66-87