Schappe Grellingen (Florettspinnerei)

Betriebsgründung
1863 beschloss der in der Schappe Arlesheim beschäftigte Auguste Veillon, sich als Fabrikant mit eigenem Betrieb selbstständig zu machen. Er gründete zusammen mit dem Geldgeber Rudolf Miville und dem Ingenieur Charles Socin die Firma Veillon Miville & Cie. mit Sitz in Basel. Noch im selben Jahr wurde mit dem Neubau einer Fabrik zur Herstellung von sog. Schappe oder Florettseide (Garn aus Rohseideabfällen) in Grellingen begonnen. Der Standort lag am linken Ufer der Birs direkt gegenüber der Papierfabrik Kaiser Ziegler & Co. Das Land mit einer Mühle und der Hälfte der Wassernutzungsrechte an der Birs (zur Herstellung des eigenen Stroms) wurden dem Papierfabrik-Mitbegründer Niklaus Kaiser abgekauft. Die neue «Schappe» (ugs. für Florettspinnerei-Fabrik) in Grellingen wurde mit den damals modernsten Maschinen der Textilindustrie aus England, Frankreich und der Schweiz ausgestattet. Kurz nach Fertigstellung des Hauptgebäudes nahm sie im Jahr 1864 ihren Betrieb auf.

Erste Jahre und Zusammenschlüsse
Abnehmer des Schappe-Garns waren die grossen Seidenhandelszentren in Basel, Lyon und Paris. Veillons neue Geschäftsidee beruhte auf der Auslagerung des Kämmelns (wichtiger Produktionsschritt zur Aufbereitung des Rohstoffmaterials zu einer gleichmässigen Faser). Dank eines günstigen Übereinkommens mit seinem Geschäftspartner Chancel frères & Cie. in Briançon (F) und zeitigte dieses Modell bald Erfolge. Aufgrund der grossen Nachfrage musste die Fabrik bereits 1868/1869 durch zusätzliche Gebäude erweitert werden. Zudem verfügte die S. über billige Arbeitskräfte, vor allem Mädchen und Frauen aus der näheren Umgebung von Grellingen, die teilweise als sog. «Rucksackbauern» neben der harten Fabrikarbeit auch noch Landwirtschaft betrieben. In den ersten erfolgreichen Jahren – und bis die Gesetzgebung 1878 die Nachtarbeit einschränkte – wurde in zwei Schichten Tag und Nacht gearbeitet.
Die Krise in der Folge des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 führte zu zahlreichen Schliessungen von Florettspinnereien im Elsass und traf auch die Region Nordwestschweiz. Durch den Zusammenschluss der Veillon Miville & Cie. mit der J.S. Alioth & Cie. (Schappe Arlesheim) und dem wichtigen Zulieferer Chancel frères zur neuen Kommandit-Aktiengesellschaft Chancel Veillon Alioth & Cie. im Jahr 1873 sollte die Markstellung verschiedener Betriebe in der Region gestärkt werden. Die oberste Leitung des neuen Unternehmens oblag Auguste Veillon. In den Folgejahren blieb die Wirtschaftslage jedoch ungünstig, denn die Mode wich krisenbedingt auf billigere Materialien wie Wollstoffe aus und der Seidenpreis durchlief eine Baisse. Erst 1878 besserte sich die Lage allmählich und 1880 eröffnete sich mit dem neuen Produkt Plüsch ein neuer Absatzmarkt bei den Herstellern in Krefeld (D). Die Tilgung der Verluste aus den Krisenjahren und die nur zögerlich anlaufende Konjunktur behinderten aber den erneuten Erfolg. Nachdem sich die mit ihren eignen Aktien haftenden Geranten 1880 aus der Geschäftsleitung zurückgezogen hatten, setzte die Generalversammlung eine Liquidationskommission ein und beschloss am 18. August 1881 die Auflösung der Firma und am 24. November 1881 die Gründung der «Industriegesellschaft für Schappe» mit Sitz in Basel.

Kiki Lutz, 4/12/2012

Archivbestände

SWA Schweizerisches Wirtschaftsarchiv Basel, Dokumentensammlungen:
Burlington Industries (Textilunternehmen)– Basel,
Signatur: H + I Bd 1078
Industriegesellschaft für Schappe (Textilunternehmen) – Basel/Arlesheim,
Signatur: H + I Bd 7
Schappe-Tex Unternehmungen (Textilunternehmen)– Basel,
Signatur: H + I Bd 252
Schappe AG (Textilunternehmen)– Basel/Genève,
Signatur: H + I Bd 231

Bibliografie

Basler Nachrichten, 26. Oktober 1972
Anna C. Fridrich, Roland Grieder (Hg.), Schappe. Die erste Fabrik im Baselbiet. Ein Portrait, 1993
Anna C. Fridrich, «Industriegesellschaft für Schappe», in Historisches Lexikon der Schweiz [Online-Version], Stand vom 30.10.2012: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D43013.php
F. Mangold und H.F. Sarasin, Industriegesellschaft für Schappe. Entstehung und Entwicklung, Basel 1924
Alban Müller, Die Entwicklung der Industrien im unteren Birstal mit besonderer Berücksichtigung des Standortes, Dissertation Universität Basel, Laufen 1940, S. 66-87
National-Zeitung Basel, 21. Oktober 1972
Heinz Voegtlin, «Industrie Schappe in Grellingen», in Heimatkunde Grellingen, Grellingen 1999, S. 147-149
Heinz Voegtlin, «Grellingen: Die Schappe», in Laufentaler Jahrbuch Nr. 3, 1988, S.46-49