Français

Grosser Rat des Kantons Bern

Der Berner Grosse Rat ist die Legislative des Kantons Bern und zählt 160 Mitglieder. Wahlen finden alle vier Jahre nach dem Verhältniswahlrecht (Proporz) statt. Der Kanton Bern ist in 9 Wahlkreise eingeteilt (ab 2006). Dem Wahlkreis Berner Jura stehen von Gesetzes wegen 12 Sitze zu. Im Wahlkreis Biel-Seeland stehen den französischsprachigen Bürger·inne·n zudem eine feste Anzahl Mandate zu, die proportional zur Gesamtbevölkerung des Wahlkreises bemessen wird (2002: 3, 2006: 4). Seit 1983 üben die Ratsmitglieder aus dem Berner Jura und die französischsprachigen aus dem Wahlkreis Biel-Seeland bei Entscheiden, die den Berner Jura betreffen, besondere Antragsrechte aus. Dies bedeutet, dass die französischsprachigen Grossrät·i·nnen eine neue Abstimmung verlangen können, falls das erste Ergebnis nicht die Mehrheit ihrer Stimmen auf sich vereinigen konnte.
Diese Gruppe von Grossrät·inn·e·n bilden zusammen die so genannte jurassische Deputation. Die Zahl ihrer Mitglieder hat sich im Verlaufe der Zeit geändert. Von 1831 bis 1845 zählte der Jura 7 Wahlkreise (definiert nach den erstinstanzlichen Gerichtsbezirken) und 35 Grossratsmitglieder (proportional zur Bevölkerungszahl der Wahlkreise). Die neue Verfassung von 1846 erhöhte die Zahl der jurassischen Ratsmitglieder auf 45 und die der Wahlkreise auf 20. Das Gesetz von 1869 beschränkte die Wahlkreise wiederum auf 11, beliess die Zahl der Sitze aber bei 45. Bis 1894 erhöhte sich letztere ständig proportional zum Bevölkerungswachstum. Bei Inkrafttreten der neuen Verfassung von 1893 zählte die jurassische Deputation 52 von insgesamt 271 Mitgliedern im Kantonsparlament. 1894 wurde eine neue Quote eingeführt: von da an zählte man ein Mandat pro 2500 Seelen und ab 1914 eines pro 3000 Seelen – die jurassische Deputation zählte damals 39 Mitglieder. 1921 wurde das Proporzwahlsystem eingeführt. Die alten Bezirke waren nun zu klein und wurden durch Distrikte ersetzt. Die Wahlquote blieb bis 1937 bei 3000 Einwohnern pro Mandat und wurde dann auf 4000 erhöht. Dies hatte zur Folge, dass die Zahl der Sitze im Grossen Rat von 228 auf 184 sank, jene der Jurassier von 38 auf 31. 1953 wurde die Zahl der Sitze im Kantonsparlament auf 200 festgelegt und bis 2006 so beibehalten. Die Mitgliederzahl der jurassischen Deputation sank aufgrund einer Bevölkerungsabnahme bis ins Jahr 1974 auf 30. 2006 wurde die Anzahl Parlamentssitze auf 160 herabgesetzt. Gewählt wurde in 9 Wahlkreisen. Im Zuge der Berner Verwaltungsreform von 2010 wurden die Wahlkreise anstelle der alten Distrikte anhand der neu entstandenen Verwaltungskreise neu aufgeteilt. Ein Wahlkreis besteht seither aus einem oder mehreren Verwaltungskreisen, mit Ausnahme des grossen Verwaltungskreises Bern-Mittelland, der in drei Wahlkreise unterteilt ist.


Vier Parteien prägten die jurassische Politik in den Jahren 1921-1974: die freisinnig-liberale Partei FDP (Parti libéral-radical PLR), die christlich demokratische Volkspartei CVP (Parti démocrate-chrétien PDC), die sozialdemokratische Partei (Parti socialiste PSJ) und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (Parti des paysans, artisans et bourgeois PAB). Nach der Gründung des Kantons Jura wurde die Anzahl der jurassischen Ratsmitglieder 1980 per Gesetz auf 12 festgesetzt – unabhängig von der Bevölkerungszahl. Bei den Wahlen von 1986 erlangte die Freisinnig-Demokratische Partei 4 Sitze, die Schweizerische Volkspartei SVP 3, die Sozialdemokraten 2, und die CVP, die autonome sozialistische Partei (Parti socialiste autonome PSA) sowie die liberale Partei des Jura (Parti libéral jurassien) je einen Sitz. Bei den drei letztgenannten handelte es sich um Sitze des separatistischen Lagers. Bei den Wahlen im Frühjahr 2006 wurde die PSA mit 3 Sitzen stärkste Partei der Deputation. Im März 2010 wurde sie von der SVP eingeholt, die ebenfalls 3 Sitze erreichte, aber mit 22,7% der Stimmen im Gegensatz zur PSA mit 20,5%. Diese Wahlen markierten im Übrigen einen klaren Rechtsrutsch des Berner Kantonsparlaments. Der rechte Block zählte jetzt 91 Sitze (SVP, BDP, FDP, EDU), die Linke 54 (SP, Grüne, PSA) und die Mitte 15 (EVP, Grünliberale, CVP). Diese Tendenz setzte sich auch 2014 fort, als die SVP 4 der 12 Sitze des Berner Jura eroberte, gefolgt von der PSA mit 3, der SP mit 2 und der EVP, den Grünen und der FDP mit je einem. 2018 konnte die SVP ihre Führungsposition und ihre Sitze halten, während die PSA einen Sitz an die FDP verlor.


Seit der Gründung des Kantons Jura gab es bis zur Nomination von Chantal Bornoz Flück im Juni 2009 keine französischsprachige Ratspräsidentschaft (s. Liste der Ratspräsident·inn·en aus dem Jura). Aus dem Laufental stammte der Ratspräsident für das Jahr 1988-1989, Rudolf Schmidlin. Mit Béatrice Struchen aus dem Wahlkreis Biel-Seeland (2014-2015) und Hervé Gullotti aus Tramelan (2021-2022) stellte die Deputation weitere zwei Ratspräsident·inn·en.


 


Weitere Mitgliederlisten des Grossen Rates des Kantons Bern seit 1831 sind in den folgenden Artikeln enthalten:
- Députés du Jura au Grand Conseil bernois (1831-1921)
- Mitglieder des Berner Grossen Rates aus dem Berner Jura und dem Laufental (1831-1921)
- Députés du Jura au Grand Conseil bernois (1922-1974)
- Mitglieder des Berner Grossen Rates aus dem Berner Jura und dem Laufental (1831-1921)
- Mitglieder der Deputation im Grossen Rat des Kantons Bern (seit 1974)

Emma Chatelain, 16/03/2006
Übersetzung: Kiki Lutz, 12/04/2010
Letzte Aktualisierung: 29/09/2021

Ergänzungen

Pierre-Alain Diacon (e.a.), « La Députation jurassienne, 1831-1921 », in ASJE, 1976, S. 131-185
François Kohler und Bernard Prongué, « La Députation jurassienne, 1922-1974 », in Les Intérêts du Jura, Nr. 11, November 1974, S. 256-284
www.sta.be.ch/fr/start/themen/wahlen-und-abstimmungen (Stand: 12.07.2021)
Ernest Weibel, Institutions politiques romandes, Fribourg, 1990, S. 153-158, 168
L'Impartial, 10. April 2006


 


Artikel aktualisiert von Shia Manh Ly (07.06.2021) und Kiki Lutz (12.07.2021)

Link: http://www.gr.be.ch/gr/fr/index.html