Jüdischer Friedhof in Zwingen

In der Gemeinde Zwingen im Laufental wurde von ca. 1573 bis 1673 ein 745 m2 grosses Areal als Friedhof für Bestattungen von Menschen jüdischen Glaubens aus dem Fürstbistum Basel und den angrenzenden Gebieten in der Region genutzt. Das Gelände des Friedhofs gehörte zum Schlossgut Zwingen und damit zum Besitz des Fürstbischofs. Es wurde den Juden leihweise für Bestattungen überlassen. Bis heute erinnert der Flurname "Judenacker" daran. Das Areal ist heute zum grössten Teil überbaut und die meisten Gräber zerstört. Auf der letzten noch freien Teilfläche besteht seit 1996 eine Gedenkstätte, die den jüdischen Friedhof markiert und an die Begräbnisse erinnert.

Ein regionaler Friedhof
Gemäss neuerer Forschung (insbesondere Fridrich, 2007) sind Ansiedlungen von Juden in den Vogteien Zwingen, Birseck und Pfeffingen des Fürstbistums Basel zwischen 1567 (zuerst in Allschwil) und 1694 u.a. durch die in den Vogteirechnungen verzeichneten Schirmgeldzahlungen belegt (mit einer Lücke für die Jahre 1612-1660). In der Vogtei Dorneck (SO) sind ab 1633 ebenfalls Juden nachgewiesen.
Die Jüdinnen und Juden lebten damals im Fürstbistum in kleinen Gruppen auf viele verschiedene Dörfer verteilt. Gesuche um Niederlassungsbewilligungen gegen Schirmgeld wurden vom Bischof teils auf die üblichen 5 Jahre gewährt, teils erneuert, teils abgelehnt. Viele Juden wohnten daher nur auf Zeit am selben Ort. Durch diese Umstände konnten sich im Fürstbistum – mit Ausnahme von Allschwil in der 2. Hälfte des 17. Jh. – keine eigentlichen Gemeinden herausbilden. Im Dorf Zwingen selbst sind nur über einen kurzen Zeitraum hinweg wenige Juden nachgewiesen (1573-1580). Für den einzigen jüdischen Friedhof weit und breit bedeutete dies, dass er ein relativ grosses regionales Einzugsgebiet abdecken musste und wohl ein verbindendes Element für die über die gesamte Region verstreut lebenden Jüdinnen und Juden darstellte.

Inbetriebnahme
Die Inbetriebnahme des Friedhofs wird noch zu Lebzeiten von Fürstbischof Melchior von Lichtenfels (1517-1575) angenommen und fällt zeitlich mit der Austreibung der Juden aus den habsburgischen Gebieten Vorderösterreichs (im Elsass) zusammen. Erzherzog Ferdinand II kam in seinem sog. "Wuchermandat" des Jahres 1573 einer Forderung der Landstände um Ausweisung der Juden aus Vorderösterreich nach. Einige Jüdinnen und Juden sind in der Folge ins Fürstbistum Basel eingewandert, wo sie zu jener Zeit zumindest geduldet wurden. Diese Zuwanderungsbewegung lässt sich jedoch nur im Einzelfall belegen. Ein triftiger Grund für die Anlegung eines Friedhofs in Zwingen dürfte der Umstand gewesen sein, dass die auf vorderösterreichischem Gebiet gelegenen jüdischen Friedhöfe, etwa in Colmar, unzugänglich geworden waren, nachdem die Juden sich dort nicht einmal mehr aufhalten durften. Den Juden in der Region fehlte nun eine angemessene Begräbnisstätte.

Einige Belege aus dem Zeitraum der Nutzung
Neben dem Flurnamen, den mündlichen Überlieferungen (s. insbesondere Nordmann, 1907) und den späteren Funden sind auch zeitgenössische Schriftbelege für den Friedhof in den Akten des ehem. Fürstbistums Basel überliefert.
Die erste urkundliche Erwähnung stammt vom 3. Januar 1581: Ein Brief des Fürstbischofs Jakob Christoph Blarer von Wartensee an den Vogt von Zwingen nimmt Bezug auf ein Gesuch des Juden Leuw, der um 1580 von Zwingen nach Arlesheim umzog und um Erhalt und Weiterführung der bestehenden Begräbnisstätte der Juden in Zwingen ersuchte. Der Bischof gewährte dies und verfügte, dass die Begräbnisse nicht beeinträchtigt werden durften.
Vom 9. März 1668 stammt ein weiterer Beleg: Bischof Johann Konrad von Roggenbach bewilligte wegen Platzmangels eine Erweiterung des seit "unvordenklichen Zeiten" bestehenden jüdischen Friedhofs in einem Brief an den Vogt von Zwingen.
Aus dem Jahr 1673 stammt der letzte Beleg für ein Begräbnis: Ein Jude aus Basel fand damals in Zwingen seine letzte Ruhestätte.
Nach Schätzungen und Berechnungen (s. Nordmann, 1907, S. 136) sollen in den hundert Jahren der Nutzung ca. 370 Menschen auf dem jüdischen Friedhof in Zwingen bestattet worden sein.

Funde und Zerstörung
1897 kamen bei Bauarbeiten am Gewerbekanal der damaligen Cementfabrik Dittingen am nordöstlichen Rand des Friedhofs zwei Skelette in Eichensärgen zum Vorschein. Als Grabbeigaben waren ihnen eine grosse Schere bzw. ein grosser Schlüssel beigelegt. Auch bei der Erbauung der Kanalisation des Schulhauses wurden Skelette gefunden. Ende des 19. Jh. soll es seitens jüdischer Kreise Bemühungen gegeben haben, das Friedhofsareal zu erwerben, was jedoch nicht geschah.
Anfang der 1930er Jahre kamen beim Wegbau einige Skelette zum Vorschein, die danach auf dem jüdischen Friedhof in Basel wieder bestattet wurden.
Im Mai 1971 fand man in Laufen beim Abbruch eines alten Hauses einen in Hebräisch beschrifteten Grabstein, der als Schüttstein umfunktioniert und eingemauert worden war. Der Museumsverein Laufental nahm den Fund in Obhut und liess die Inschrift entziffern. Er gehörte zur Bestattung einer Frau, der Gattin des Jischai ben Jizschak Efrajim, die am 4. Dezember 1641 gestorben war, und deren Wohltätigkeit auf der Inschrift gerühmt wird. Der Stein gelangte zunächst ins Museum Laufental. Heute ist er Teil der Gedenkstätte in Zwingen (s.u.).
1988 befand sich das alte Friedhofsgelände im Besitz der Gemeinde, die es bis auf einen kleinen Rest von 170 m2 an Private verkaufte. Beim Aushub für ein Bauprojekt der neuen Eigentümer wurde der Friedhof im Juli 1992 zum grössten Teil zerstört. Dabei wurden viele Bestattungen beschädigt, die nach jüdischem Glauben unversehrt und unangetastet bleiben sollten.

Teilweise Rettung und Gedenkstätte
Zufällig befand sich der deutsche Forscher Günter Boll zu jener Zeit in Zwingen und bemerkte die Zerstörung der Gräber. Er sammelte zerstreute Gebeine ein, deckte die offenen Bestattungen notdürftig zu und informierte umgehend den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG. Daraufhin wurde ein vorübergehender Baustopp erreicht. Am 2. August 1992 konnten ca. 40 Freiwillige die von der Zerstörung bedrohten Gebeine für eine Umbestattung bergen. Sie wurden im Februar 1993 durch den SIG an ihren letzten Ruheort auf dem nahe gelegenen Hägenberg (Gemeinde Zwingen) überführt. Auf Initiative des SIG und des damaligen Gemeindepräsidenten, Marcel Cueni, konnte der letzte ungestörte Rest des Friedhofs, der sich noch in Gemeindebesitz befand, gesichert werden. Das Land wurde von der Gemeinde für die Errichtung einer Gedenkstätte zur Verfügung gestellt.
1995 konnte die vom SIG gestaltete Gedenkstätte aufgebaut und am 17. März 1996 eingeweiht werden.

Kiki Lutz, 31/03/2015
Letzte Aktualisierung: 4/06/2015

Archivbestände

Archiv des ehemaligen Fürstbistums Basel, Pruntrut, Serie B 216, Juden (1461-1790)

Bibliografie

Günter Boll, Der jüdische Friedhof in Zwingen, s. l. e. a., http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20315/Zwingen%20Friedhof.pdf (Stand vom 11.03.2015)
Günter Boll, «Dokumente zur Geschichte der Juden in Vorderösterreich und im Fürstbistum Basel (1526-1578)», in Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins "Schau-ins-Land", Jg. 115, 1996, S. 19-44.
Marcel Cueni, «Der Judenfriedhof», in Heimatkunde Zwingen, Zwingen 2014, S. 20-21.
Marcel Cueni, «Der Judenfriedhof im Fürstbistum Basel», in Jurablätter, Jg. 25, 1963, Heft 12, S. 179-182
Simon Erlanger, «Zu retten, was noch zu retten ist», in Jüdische Rundschau Maccabi, Nr. 33, 13. August 1992, S. 13
Anna C. Fridrich, «Zur Entstehung der Landjudengemeinden im Nordwesten der heutigen schweizerischen Eidgenossenschaft (16. bis 18. Jahrhundert)», in Rolf Kiessling et al. (Hg.), Räume und Wege. Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800, Berlin 2007, S. 23-45
Werner A. Gallusser, «Geschichte in Grund geschrieben», in Basellandschaftliche Zeitung, 10. Oktober 2003, S. 15
Lorenz Häfliger, «Judenacker soll erhalten bleiben», in Basler Zeitung, 11. August 1992, S. 33
Raymond M. Jung, «Die ältesten jüdischen Grabsteine in der Schweiz», in Maajan / Die Quelle, Jg. 24, H. 95, 2010, S. 3511
Achilles Nordmann, «Über den Judenfriedhof in Zwingen und Judenniederlassungen im Fürstbistum Basel», in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Bd. 6, 1907, S. 120-151
A. Scherrer, «Der Judenfriedhof», in Der Rauracher, Jg. 4, Nr. 2/3, 1932, S. 42-44
Léon Segginger, «Zeugen jüdischer Vergangenheit im Laufental», in Der Volksfreund, Jg. 104, Nr. 49, 22. Juni 1971
Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Jüdische Friedhöfe in der Schweiz, SIG-Factsheet, http://www.swissjews.ch/pdf/de/factsheet/SIG_Factsheet_Jdische_Friedhfe_d.pdf (Stand vom 11.03.2015)
Website der Gemeinde Zwingen, http://www.zwingen.ch/de/portrait/geschichte/welcome.php?action=showinfo&info_id=6609 (Stand vom 11.03.2015)