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Secret, Le

«Le Secret» steht für eine Praxis des Gesundbetens, die vor allem auf dem Gebiet des Kantons Jura verbreitet ist. Sie kommt aber auch in anderen Schweizer Kantonen vor, so etwa in Freiburg, im Wallis, im Tessin, im Appenzell und in der Zentralschweiz – in erster Linie in katholisch geprägten Gebieten aber nicht ausschliesslich. Die Tradition, deren genauer Ursprung nicht bekannt ist, geht auf sehr alte Zeiten zurück, bis in die christliche Antike (die ältesten Schriftquellen stammen aus dem Mittelalter und einige Forscherinnen wollen darin Elemente heidnischer Riten erkannt haben). Zentrale Merkmale des S. bestehen in seiner Religiosität und in seinem strikt nicht-kommerziellen Charakter.
Das S. wird zur Heilung oder Linderung einer ganzen Reihe von Krankheiten und Verletzungen angewandt, z. B. Angina, Mundfäule, Verbrennungen, Hautflechten, Verstauchungen, Ekzeme, Blutungen, Hämorrhoiden, Kopfschmerzen, Nervenleiden, Gerstenkörner, Blasensteine, Ischiasschmerzen, Venenentzündungen, Warzen, Augenschmerzen, Gürtelrose und einige psychische Leiden.
Das Gesundbeten kann sowohl im direkten Kontakt mit dem Patienten / der Patientin wie auch auf Distanz ausgeübt werden. Häufig geschieht es am Telefon oder wird sogar über eine Drittperson und mit Unwissen des Patienten durchgeführt. Der/die Heiler/in benötigt nur wenige Angaben wie Name und Vorname, Geburtsdatum, Art des Leidens und die Stelle, wo es sich am Körper befindet. Meistens fragt er/sie nicht einmal nach, ob die betroffene Person religiös ist oder an die Wirkung des S. glaubt. Die abgefragten Angaben dienen dazu, die Gebetsformel zu personalisieren. Soweit bekannt, gibt es viele verschiedene Rituale. Im Fall von Verbrennungen beispielsweise, zieht sich der/die Heilende einige Minuten zurück und rezitiert leise oder schweigend die personalisierte Gebetsformel, während er/sie sich auf die Person konzentriert und mit dem Finger Kreuze am eigenen Körper schlägt, und zwar an der Stelle, wo sich beim Patienten die Verbrennung befindet.
Manchmal wird ein Heiliger und sein Martyrium angerufen oder auch bekannte Gebete, wie das Vaterunser oder Ave Maria, aufgesagt, aber es kommen nicht nur offizielle Elemente der katholischen Liturgie zum Zuge. Die Art des Betens, und damit der Kontaktaufnahme mit Gott, kann stark variieren. Einige Heilende glauben, dass die Wirksamkeit des S. von der aufgesagten Formel abhängt und halten deshalb die Wortfolge streng ein. In der Regel versprechen sie keine garantierte Heilung und verschweigen auch nicht, dass unter Umständen mehrere Versuche nötig sind oder die Wirkung ganz ausbleiben kann. Im Übrigen weiss man nicht genau, worin das Geheimnis des S. besteht, denn die Gesundbeter und -beterinnen weigern sich, das Geheimnis preiszugeben. Sie befürchten, durch eine Enthüllung Ihre Gabe zu verlieren oder sie erklären, dass sie selbst nicht in der Lage seien, die Wirkungsweise des S. zu verstehen oder zu erklären.
Die Heilerinnen und Heiler heissen «faiseurs et faiseuses de secret» (in etwa: Secret-Macher; es gibt noch weitere Namen wie «panseurs de secret» , «leveurs de maux», «barreurs de brûlures», «diseurs de secret» oder «ceux qui ont le secret» – also jene, die das S. haben). Jeder von ihnen ist spezialisiert auf die Heilung eines oder mehrerer Leiden. In zahlreichen Spitälern im Jura (z. T.  auch in der übrigen Schweiz und seit neuestem sogar im Internet) liegen Listen mit Telefonnummern der Heiler und Heilerinnen auf, geordnet nach deren Spezialität.
Das S. versteht sich im Wesentlichen als einen Akt der Barmherzigkeit und der Frömmigkeit. Folglich erhalten die Heilerinnen und Heiler für ihre Dienste keinen Lohn und sie dürfen auch keine persönlichen Vorteile oder Ruhm aus ihrer Gabe ziehen. Die Versuche, aus dem S. Profit zu schlagen, sind rar. Sie sollen angeblich den Verlust der heilenden Gabe zur Folge zu haben. Es kommt allerdings vor, dass die Dankbarkeit der Patienten durch kleine Geschenke, wie Wein oder Lebensmittel zum Ausdruck gebracht wird – wie es auch für andere kleine Gefallen üblich ist. Andere Heilende wiederum bestehen darauf, dass die Patienten nicht einmal «Danke» sagen. Dem liegt die Idee zugrunde, dass diejenigen, welche die «Gabe in sich tragen» sich selbst auch als «Gabe» begreifen sollen, d. h. den Dienst an ihrem Nächsten praktizieren, ohne eine Gegenleistung zu erwarten und zudem fast rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen.
Die «Gabe» des S. wird auf Vertrauensbasis und gratis von Person zu Person übertragen. Die Träger/innen des S. überliefern die Tradition an die nächste Generation, indem sie in ihrem Umkreis eine Person ihres Vertrauens auswählen, oft aus ihrer Familie oder dem engeren Freundeskreis. Aufgrund dieser informellen und individuellen Art der Übertragung sind die Gesundbeterinnen und -beter auch in keinem Berufsverband, Verein oder sonstigen Struktur organisiert. In der Regel überträgt jede/r Gesundbeter/in ihre Gabe während ihres Lebens auf eine einzige Person, die jünger sein sollte als er/sie selbst. Doch diese Regel wird vor dem Hintergrund des schnellen gesellschaftlichen Wandels der letzten Jahre (Landflucht, Mobilität, Abnahme der Religiosität) manchmal zugunsten des Fortbestehens der Tradition nicht ganz rigoros eingehalten.
Viele Forschende beobachten in ihren Untersuchungen, dass das S. – sowohl auf Menschen wie auch auf Tiere angewandt – tatsächlich verschiedene Leiden heilen oder deutlich lindern kann – bis hin zu Berichten über vollständige Wiederherstellungen von Verletzten, ohne bleibende Narben. Jedenfalls erfreut sich das S. bis heute grösster Beliebtheit. Für viele Menschen, die in den Gegenden leben, wo es am meisten verbreitet ist, gehört die Inanspruchnahme des S. zu den trivialen Alltagspraktiken. Die jahrhundertealte Tradition hat sich angepasst (z.B. durch den Einsatz des Telefons) und in die moderne und gegenwärtige Gesellschaft integriert. Die Wirksamkeit des S. wurde indes nie wissenschaftlich bewiesen und so bleiben die Skeptiker, die dem S. höchstens eine autosuggestive Wirkung zugestehen, im Jura und anderswo ebenfalls sehr zahlreich.
Das Phänomen des S. entzieht sich sowohl dem Wissen der modernen Medizin wie auch den Mechanismen der kommerziellen Vermarktung. Und es zählt auch nicht zu den offiziellen Riten der katholischen Kirche, die im Gegensatz zu den Gesundbeterinnen und -betern im Wirken des S. kein göttliches Handeln sieht. Während der Zeit der Hexenverfolgung fanden sich einige Gesundbeterinnen und -beter unter den Verfolgten. Das Praktizieren ihrer «Gabe» erweckte vermutlich Misstrauen, auch wenn dies allein – ohne eine Anrufung des Teufels — formell in der Regel nicht ausreichte, sie in den Augen der Gerichtsbehörden zu Hexen zu stempeln. In der neueren Geschichte gibt es keine Hinweise darauf, dass das S. entweder durch die Schulmedizin oder durch die Kirche unterdrückt worden wäre. Es schein vielmehr – wenn auch ohne offizielle Anerkennung – in Spitälern und Gemeinden weitherum geduldet zu sein. Dazu trägt möglicherweise sein unschädlicher und nicht-kommerzieller Charakter bei, so dass die Kirche es schlimmstenfalls der weissen Magie zuordnet und die moderne Medizin und Pharmazie weder eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit, noch eine ernste Konkurrenz auf dem Markt befürchten muss.
Das S. (Gesundbeten) gehört zur offiziellen Liste der Lebendigen Traditionen der Schweiz, die 2012 aufgrund des Beitritts der Schweiz zum UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes (2008) erstellt wurde.

Kiki Lutz, 9/02/2017
Übersetzung: Kiki Lutz, 6/07/2018

Bibliografie

Nathalie Fleury,  «Le "secret " dans le Canton du Jura. Approche anthropologique d'une pratique de guérison», Recherches et travaux en Anthropologie, 2, 1994, S. 1-103
Magali Jenny, Guérisseurs, rebouteux et faiseurs de secret en Suisse romande, Lausanne, 2008
Vincent Kottelat, «Pour une histoire ancienne du "secret": les prières de Marie de Cornol (1590)», Actes SJE, 2007, S. 193-208
Vincent Kottelat, «"Sorcellerie, secret et médecine populaire": les tribulations d'un guérisseur neuchâtelois dans la principauté de Bâle à la fin du XVIe siècle», Revue suisse d'histoire, 60, 2010, S. 475-493
www.lebendigetraditionen.ch (Stand: 10.11.2016 – mit weiterführenden Literaturangaben)
Télévision Suisse Romande (Ed.), Mon docteur a « le secret », Genève, 2004  (Stand: 17.11.2016)
www.rts.ch (Stand: 8.12.2016)