Schappe Arlesheim (Florettspinnerei)

Zweiter Weltkrieg und soziale Spannungen
Erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg verbesserte sich die Lage, u.a. durch die Ausweitung der Produktepalette auf Kunst- und Mischfasergarne und auf die Handstrickgarne für den geschützten Schweizer Markt (sog. Sisi-Wolle). Auch die neuen Vistra-Garne aus Viskose trugen zum Erfolg bei und die Herstellung von Schappeprodukten wurde zunehmend nebensächlich.
In den Kriegsjahren erzielte die S. dann wieder einen Geschäftserfolg und wurde sogar durch den Bau eines eigenen Elektrizitätswerks und den Neubau der Shedhallen modernisiert. Nur die Reallöhne blieben auf dem Niveau der krisenreichen Dreissigerjahre oder sogar darunter. Für die Arbeiterinnen, die den Grossteil der Belegschaft ausmachten, bedeutete dies obendrein im Durchschnitt nur 76% von dem, was ein männlicher Kollege verdiente – und dies bei den in der Branche üblichen Tiefstlöhnen. Diese Misstände führten zu Spannungen, die sich gleich nach dem Krieg in einem Streik der rund 400 Arlesheimer Arbeiterinnen (und Arbeiter) entluden. Der zuweilen als erster «Frauenstreik» bezeichnete Arbeitskonflikt dauerte vom 4. Juni bis zum 19. Juli 1945. Ihm wurde schweizweit grosse Beachtung zuteil und die Streikenden erhielten viel Unterstützung durch Sammelaktionen. Sie konnten schliesslich einen Gesamtarbeitsvertrag, eine Lohnerhöhung und mehr Ferien durchsetzen. Ausserdem zeitigte der Streik eine Signalwirkung für die Streikwelle in den Folgejahren und hatte Auswirkungen auf die nationale Sozialpolitik.

Auswirkungen der Globalisierung
Nach dem Krieg und dem Streik herrschte zunächst Arbeitskräftemangel, dem mit der Einstellung zahlreicher Ausländerinnen begegnet wurde. Gleichzeitig wuchs die Konkurrenz durch die aufkommende asiatische Schappeindustrie und Billigkunstfasern aus den USA. 1959 wurde die Produktion ganz auf synthetische Massenware umgestellt, deren Absatz auf die EFTA-Länder beschränkt blieb. 1961 fusionierte die Industriegesellschaft mit der S.A. Filiature de Schappe (SAF) in Lyon, um Zollproblemen auszuweichen. Die neue Holdinggesellschaft namens Schappe AG mit Sitz in Genf rationalisierte den Betrieb, schloss einige Produktionsstätten und setzte auf den Aufbau des Bereichs der texturierten Garne zusammen mit den Firmen Pricel (F) und Burlington (USA). Dazu wurde 1964 die gemeinsame Gesellschaft «Schappe-Tex AG» gegründet. Der weltweit grösste Textilunternehmer Burlington übernahm die Schappe AG 1967 schliesslich ganz und führte den Betrieb in Arlesheim unter dem Namen Burlington-Schappe AG weiter, während andere Schweizer Betriebe geschlossen wurden, so auch die Schappe Angenstein (spätestens 1967) und Grellingen (1972) in der näheren Umgebung. Doch die ganz auf Massenproduktion ausgerichtete Herstellung konnte der internationalen Konkurrenz nicht standhalten und innerhalb des amerikanischen Grosskonzerns war eine entsprechende Anpassung offenbar nicht mehr möglich. So wurde nach verschiedenen Auslagerungen von Einzelbereichen ins Ausland die S. in Arlesheim im März 1977 nach fast 150-jährigem Bestehen geschlossen. 170 Beschäftigte, in der Mehrheit Frauen, verloren ihren Arbeitsplatz.

Ausstellung und Katalog zur ersten Fabrik im Baselbiet
Vom 12. März bis zum 27. Juni 1993 fand im Ortsmuseum Trotte in Arlesheim eine umfassende Ausstellung über die Geschichte und die Erinnerung an die erste Fabrik im Baselbiet statt. Dazu erschien ein ausführlicher Katalog unter der Leitung von Anna C. Fridrich und Roland Grieder (s. Bibliografie).

Kiki Lutz, 3/12/2012
Letzte Aktualisierung: 11/08/2016

Archivbestände

SWA Schweizerisches Wirtschaftsarchiv Basel, Dokumentensammlungen:
Burlington Industries (Textilunternehmen)– Basel,
Signatur: H + I Bd 1078
Industriegesellschaft für Schappe (Textilunternehmen) – Basel/Arlesheim,
Signatur: H + I Bd 7
Schappe-Tex Unternehmungen (Textilunternehmen)– Basel,
Signatur: H + I Bd 252
Schappe AG (Textilunternehmen)– Basel/Genève,
Signatur: H + I Bd 231

Bibliografie

Anna C. Fridrich, Roland Grieder (Hg.), Schappe. Die erste Fabrik im Baselbiet. Ein Portrait, 1993
Anna C. Fridrich, «Industriegesellschaft für Schappe», in Historisches Lexikon der Schweiz [Online-Version], Stand vom 30.10.2012: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D43013.php
Anna C. Fridrich, Roland Grieder, «Die erste Fabrik im Baselbiet», in Basler Magazin, Nr. 17, 8. Mai 1993, S. 12-13
F. Mangold und H.F. Sarasin, Industriegesellschaft für Schappe. Entstehung und Entwicklung, Basel 1924
Alban Müller, Die Entwicklung der Industrien im unteren Birstal mit besonderer Berücksichtigung des Standortes, Dissertation Universität Basel, Laufen 1940, S. 66-87